16:54h, Mittwoch 28.07.2010
Gefühlvolle Tragikkomödie im Kino 55+
Pure Lebensfreude und Tschaikowsky
Paderborn. Am Anfang ist die Musik. Und nur die Musik. Denn Musik, Leidenschaft ein Konzert stehen im Mittelpunkt des aktuellen Filmes „Das Konzert“ von Regisseur Radu Mihaileanu, der am Mittwoch, den 11. August 2010 um 15 Uhr im Cineplex Paderborn in der Filmreihe Kino 55+ präsentiert wird.
Inhalt: Andrei Filipov (Alexei Guskow) dirigiert am Moskauer Bolschoi-Theater Tschaikowskis Violinenkonzert in D-Dur. Ein erhabenes Werk, dessen Melancholie sich in pure Lebensfreude wandelt. Das Problem ist: Filipov ist nur Hausmeister. Seine Tage als Star-Dirigent sind längst vorbei. Die sowjetische Staatsführung hatte ihn und sein legendäres Orchester vor Jahrzehnten gefeuert. Filipov hatte sich damals für seine jüdischen Musiker eingesetzt, trotz der Regime-Parole „Zionisten sind Feinde des Volkes.“
Heute ist das Bolschoi-Orchester nur noch eine Karikatur des legendären Klangkörpers von einst. Doch das soll nicht so bleiben: Filipov unterschlägt im Büro des Direktors ein Fax mit einer Einladung nach Paris und hat eine Eingebung wie einst die „Blues Brothers“, nur eben in sinfonischer Besetzung. Eben eine gefühlvolle Tragikomödie mit einem skurrilen Schauspiel-Ensemble über ein falsches Bolschoi-Orchester in Paris und die ewige Macht der Musik.
Humor und Tragik, das eine geht nicht ohne das andere für Radu Mihaileanu, der diese Kombination schon bestens einsetzte in "Zug des Lebens", wo sich Bewohner eines jüdischen Dorfes in Osteuropa als Nazis verkleiden und einen Deportationszug organisieren, um ganz clever über die Sowjetunion nach Palästina zu gelangen, und in der Dramödie "Geh und lebe" (Panorama-Publikumspreis) über die Adoption eines jüdisch-äthiopischen Jungen nach Israel. In die Vollen geht der geborene Rumäne in seinem neuen zutiefst schwarzhumorigen Werk.
Der frühere Dirigent des berühmten Bolschoi-Orchesters fiel unter Breschnev in Ungnade, weil er seine jüdischen Mitarbeiter nicht entlassen wollte und arbeitet heute in Moskau als Putzkraft an seiner einstigen Wirkungsstätte. Spontan lässt er eines Abends ein Fax mit der Einladung des Bolschoi-Orchesters nach Paris aus dem Büro des Direktors verschwinden und hat die verrückte Idee, mit seinem Orchester in alter Besetzung unter falschem Namen im Théâtre du Châtelet zu spielen, einzige Bedingung ist der Solo-Auftritt einer jungen französischen Star-Geigerin. Die einstigen Kollegen, inzwischen Straßenmusiker oder Handyverkäufer, machen begeistert mit und nach einigen Komplikationen landet die betrunkene Truppe in der französischen Metropole. Kein guter Auftakt für das Konzert.
Genüsslich zelebriert Regisseur Mihaileanu den Zusammenprall der modernen kapitalistischen russischen Gesellschaft mit der Nostalgie eines rückwärtsgewandten Kommunismus, den Nouveaux Riches mit den darbenden Intellektuellen, die Lust nach Rache eines gedemütigten Künstlers. Dem Schmerz über eine zerstörte Karriere und dem Leid der Unterdrückung stellt er Selbstironie und burleske Komik entgegen. Letztere dominiert in der ersten Stunde, da folgt in wüstester Kusturica-Manier ein derbes Klischee dem anderen, das Bild des undisziplinierten, geldgierigen und trunksüchtigen Russen der auf zivilisierte, eingebildete und Regel respektierende Franzosen trifft, ist ziemlich grob gestrickt, doch dann kriegt der in der zweiten Hälfte virtuos inszenierte Film die Kurve zu einem Fest der Gefühle und einer Hymne an die Menschlichkeit und Liebe zur Musik. Wenn die Kakophonie in eine Harmonie zwischen Solistin und Orchester mündet, wird Tschaikowskys einziges Violinkonzert gemischt mit Rückblenden auf die Vergangenheit zu einem superben cineastischen Erlebnis mit Lizenz zum Tränenvergießen.
Vor dem Film gibt es wieder für alle Gäste den geliebten Kuchen und eine Tasse Kaffee zur Einstimmung, bevor nicht nur Tschaikowskys das Best Ager verzaubern. Karten für die Vorstellung erhalten Sie in der Geschäftsstelle der Neuen Westfälischen Zeitung (Gertrud-Groniger-Str./ gegenüber vom Marktkauf Detmolder Str.) und an den Kassen des Cineplex. Weitere Infos: 05251 -2 90 60 0 oder im Internet unter www.cineplex.de/Paderborn
Foto: Die Violinistin Anne-Marie Jacquet (Mélanie Laurent) hat Verbindungen zum Bolschoi-Orchester, die ihr bislang verschwiegen wurden. Foto: Concorde-Filmverleih
sara.klinke
Der Beitrag wurde am Mittwoch, dem 28. Juli 2010 um 16:54 Uhr veröffentlicht und wurde unter Kultur, Startseite abgelegt.
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